Was kleine Geschwister am meisten hassen, ist, wenn sie pausenlos im Vergleich mit den Älteren beurteilt werden. Ob nun als hippe kleine Schwester oder als älterer, irgendwie nerdiger Bruder. Beschreibt man den Pét-Nat (die gebräuchliche Abkürzung für Pétillant Naturel) bloß im Verhältnis zum Champagner – in dieser Familie der Schaumweine –, dann tut man ihm unrecht.

"Der entscheidende Unterschied: Die Unberechenbarkeit & Launenhaftigkeit des Schaumweins."

Denn was sich Hipster und Anhänger der Naturweinszene in den Metropolen der Welt neuerdings bevorzugt über die Zunge perlen lassen, kann ganz gut für sich alleine stehen.

Die Bezeichnung Pétillant Naturel bezieht sich auf keine Rebsorte, keine Ursprungsregion, nicht mal auf die Ausführung, sondern steht für eine neue Produktionsmethode, die wiederum aus der méthode ancestrale entstanden ist. Der Ursprung des Schaumweins reicht bis ins Frankreich des frühen 16. Jahrhundert zurück und war damals eine schlichte Folge der Jahreszeiten und des Fehlens jeglicher Kellertechnik: Der Gärungsprozess der Weine hielt meist bis zum Winter an, also bis zu jenem Punkt, an dem die Kälte den Wein in den Schlaf versetzt. Im Frühling heizte das warme Wetter die Fermentierung erneut an und schuf einen natürlich sprudelnden Wein. Typische Beispiele: der schäumende Gaillac à la méthode gaillacoise oder der Blanquette de Limoux.

Viele der heute produzierten hochwertigen „Schäumer“ werden im Champagner-Verfahren hergestellt. Hierzu wird dem durchgegorenen Stillwein ein Gemisch aus Zucker und Hefe (liqueur de tirage genannt) zugesetzt, in dickwandige Flaschen gefüllt und meist mit einem Kronkorken verschlossen. Nun fängt es kräftig an zu schäumen: Die zweite Gärung ist in vollem Gange.

Durch neuste Techniken sind spezielle Hefekulturen entwickelt worden; diese flocken besonders leicht aus und setzen sich als körniges Depot ab, das sich durch Rütteln und Schütteln bequem in den Flaschenhals bewegen lässt, wo es dann entfernt – sprich degorgiert – und bei Belieben mit einer Dosage, einem Gemisch aus Wein und Zucker, aufgefüllt wird.

Nicht so beim Pét-Nat. Hier wird der fast vergorene Traubenmost direkt vom Tank oder Fass in die Flasche gefüllt – also bevor der gesamte Restzucker zu Alkohol vergoren ist. Die erste Fermentierung wird demnach nicht unterbrochen und findet in der Flasche ihren Abschluss, so bleibt ein erfreuliches Nebenprodukt der Fermentierung – die Kohlensäure – enthalten. Natürliche Kohlensäure also.

"Es ist genau dieses Überraschende, Unkonventionelle – manchmal auch Anstößige –, was den Pét-Nat von den üblichen Schaumweinen unterscheidet."

Die Hefe wird hier und da zurückgelassen und sorgt auch in der Flasche und im Glas für die typische Eintrübung des Pét-Nat. Der neupopuläre Schaumwein heftet sich damit schon optisch das Etikett „Natur“ an. Der entscheidende Unterschied zwischen traditionell erzeugten Weinen à la méthode champenoise und Pét-Nat liegt jedoch nicht nur in diesen technischen Details. Der entscheidende Unterschied liegt in der Unberechenbarkeit und Launenhaftigkeit des Schaumweins.

Wer das verstehen möchte, muss sich die Genese des Pét-Nat vor Augen führen und in das französische Loire-Tal der 1990er-Jahre blicken: Progressive Winzer versuchten sich hier an einer neuen Philosophie des biologischen Weinbaus mit minimaler Intervention im Weinkeller. Die Entstehung des Trendlabels „Naturwein“ – das dort ihren Ursprung hat – ist von einer großen Anzahl an misslungenen Versuchen begleitet. Der ein oder andere Wein wurde weggegossen. Aber aus diesen Fehlern wurde, wie es sein soll, viel gelernt und so entstand Neues.

Und genau solch ein verunfalltes Experiment war es, das den Pét-Nat hervorbrachte: Der Winzer Christian Chaussard füllte einen seiner Vouvrays ab, der noch etwas Restzucker enthielt und dieser begann in der Flasche erneut zu fermentieren. Zunächst glaubte Chaussard, der Wein sei nun verdorben, aber dann probierte er und entdeckte – ganz gegenteilig – einen höchst vitalen und lebensfrohen Schaumwein. Er entschied sich, ihn nicht nur zu mögen, sondern auch zu vermarkten. Fortan recherchierte, experimentierte Chaussard und interpretierte schließlich die Produktionstradition der méthode ancestrale auf neue Art und Weise. Es ist genau dieses Überraschende, Unkonventionelle – manchmal auch Anstößige –, was den Pét-Nat von den üblichen Schaumweinen unterscheidet.

Die Art der Flaschengärung – wie sie Chaussard nutzte – ist nichts für Kontrollfreaks, ein hohes Maß an Experimentierfreude aufseiten des Winzers ist Voraussetzung. In jeder auf diese Weise kronverkorkten Flasche steckt ein kleines Versuchslabor: Nicht nur Geschmack, sondern auch Sprudel können schon innerhalb eines Jahrgangs stark variieren. Russisches Roulette bei der Weinerzeugung also. Das ist der Grund, warum sich noch nicht viele Winzer an den Pét-Nat trauen und er sich für jede Massenproduktion verbietet.

Gerade diese Launenhaftigkeit bildet die gefällige Pointe für die Beifall klatschende Weingemeinde. Hier finden sie ein weiteres Produkt, das nicht massenkompatibel ist – das verstanden werden will. Wer gerne Pét-Nat trinkt, gehört automatisch zu einem erlesenen Kreis, der sich – so kann man es interpretieren – Herausforderungen stellt. Seine Fans jedenfalls beschreiben ihn so, wie sie vermutlich selber gerne wären: authentisch, unberechenbar, progressiv und hip. Doch ist es vor allem das Unberechenbare, das diesen kleinen Bruder in der Schaumweinfamilie auszeichnet. Den frechen, kleinen Bruder. Der ist meistens auch noch nervig und hyperaktiv. In der Flasche. Im Glas ist er erwachsen.

Diese launigen und launenhaften Sprudler sind die Lieblinge der Schluck-Redaktion:

Loire— MOSSE „MOSSAMOUSSETTES“ 2014 (MM15)

"Der Natural Bellini unter den Pet Nats"

Frisch und herb, lebendig und karg, feinperlig mit Ecken und Kanten. Dieser Pét-Nat aus Cabernet Franc, Gamey und Grolleau aus dem Hause Mosse an der Loire verspricht nicht nur größten Trinkfluss, sondern hält ihn auch.

ca. 15,50 € bei Viniculture Weinhandel

Burgund — YANN DURIEUX „L’OUSTINE“ 2014

"Apfel-Cidre-Champagner-Verschnitt"

Perliger Aligoté aus der Haute Côtes de Nuits. Yann Durieux arbeitet biodynamisch und komplett schwefelfrei – auch im Weinberg. Saftig und zupackend, stoffig, dennoch elegant. Kalkig mit leichtem „Sponti-Stinkerl“. Apfel, Kräuter und Quitte.

ca. 50,00 €, eigentlich unverkäuflich, ein paar Flaschen gibt’s im Nobelhart & Schmutzig

Kamptal — FUCHS & HASE PÉT-NAT VOL. 2 2014

"Die tanzende Fee unter den Sprudlern"

Orange-Sekt par excellence! Pét-Nat aus Muskateller und Grünem Veltliner. Frisch- fruchtig, leicht (auch mostig), fast tänzelnd. Holunderblüten, Zitrone und weißer Pfirsich mit einem Hauch Lakritze. Am Gaumen lebendige Perlage, sehr animierend. Fuchs & Hase ist ein Gemeinschaftsprojekt der dynamischen Jungwinzerpaare Stefanie und Alwin Jurtschitsch sowie Anna und Martin Arndorfer.

ca. 14,90 € bei Wagners Wein Shop

Loire—CÔME ISAMBERT„COSMOBULLE“ 2014

"Sexy Rosé-Champagner Alternative"

Leichtes Stinkerl, rote und weiße Früchte, Kräuter. Saftig, mineralisch-karg. Zwei Drittel Cabernet Franc, ein Drittel Grolleau aus Saumur an der Loire. Je zur Hälfte direkt gepresst und maischevergoren. Der junge Winzer Côme hat sein eigenes Business erst 2013 gestartet. Gesamtproduktion: überschaubare 890 Flaschen.

ca. 14,00 € bei Vins Vivants

Jura — L’OCTAVIN „FOUTRE D‘ ESCAMPETTE“ 2014

"Charming Daring"

Der einzige deutlich restsüße Pét-Nat in dieser Probe. Ein Chardonnay aus dem Jura von Alice Bouvot und Charles Dagand: Pure Traube, rauchig, gelber Apfel, Quitte, wachsig. Rustikaler Stil, aber mit feiner Perlage und herber Süße. Spannungsgeladen.

ca. 16,90 € bei Viniculture Weinhandel

Kamptal — FUCHS & HASE PÉT-NAT VOL. 5 2014

"Ein Pet Nat für Männer und starke Frauen"

Pink, trüb, eine Augenweide! Pét-Nat aus Zweigelt und Cabernet Sauvignon. Cassis, Tomate, Kräuterwürze. Viel Zug, stramm mit Ecken und Kanten und extrem süffig, ohne banal zu sein. Sehr guter Trinkfluss.

ca. 14,90 € bei Wagners Wein Shop

Verkostungsteam:

Matthias Brandweiner - Pots / Ritz-Carlton,

Steve Hartsch - Eins unter Null,

Billy Wagner - Nobelhart & Schmutzig,

Holger Schwarz - Viniculture,

Julia Klüber & Paul Truszkowski - Schluck Magazin

Weitere gute Bezugsquellen für Pét-Nats:

K & U Weinhalle

Weinhandlung Kreis