Grund für Boden

Was ist Boden? Was Humus? Was Kompost? Und wie kriege ich das alles gut hin? Der Bodenphilosoph und Landwirt Martin von Mackensen kennt die Antwort. Juliane Fischer hat bei einem seiner Vorträge Notizen gemacht.

Alle mal herhören! Der Mann hat Wichtiges zu sagen!

Von Juliane Fischer

Der Boden. Grund für Boden. Gibt Grund genug. Einer, der von Böden was versteht und sein Verstehen gerne verbreitet, ist Martin von Mackensen, Leiter der Landbauschule für biodynamische Landwirtschaft auf dem Dottenfelder Hof in Bad Vilbel bei Frankfurt am Main.

Mackensen hat Kunst bei Joseph Beuys studiert. Beuys, der „Filzmann“ motivierte Mackensen in den frühen Achtzigerjahren, sich in der Landwirtschaft zu engagieren. Und zwar so, wie Mackensen es von seinen Kindheitssommern am Bauernhof kannte. "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann", zitiert Mackensen Beuys. Und fügt fordernd hinzu, was sich inzwischen viele denken: "Wir müssen anders mit der Natur umgehen.“ Deswegen macht Mackensen vor allem Winzern ordentlich Dampf unterm Hintern.

Die Winzer haben eine Sonderstellung in der biodynamischen Bewegung“, sagt Mackensen, „sie müssen Vorreiter sein und zeigen, was mit so Sachen wie Brennnesselzubereitung, Hornmistpräparat und Kompost alles möglich ist. Nicht zuletzt deswegen, weil es sich Winzer auch besser leisten können, denn sie hängen nicht so sehr am Gängelband der Förderungen, wie viele andere Bauern anderer Landwirtschaftszweige und bei ihnen ist nicht nur die Präperateentwicklung, sondern auch Ertrag – Qualität- und Quantitätsbalance schön zu sehen" meint er.

EIN PRIVILEG, EINE VERPFLICHTUNG

Mackensen fordert von den Winzern den Blick über die Berufsgruppe und die eigene landwirtschaftliche Kultur hinaus. „Euch geht’s gut“, ruft er bei einer Veranstaltung in die Runde, „doch vielen anderen biodynamischen Landwirten geht es nicht so gut wie euch Winzern". Mit „euch“ ist die Gruppe der hier anwesenden Respekt-Winzer gemeint, ein biodynamischer Verein, der nur auf Weinbau beschränkt ist. Viehwirtschaft oder andere landwirtschaftliche Zweige spielen keine große Rolle. Den Mist für den Kompost beziehen die meisten von anderen Bauern. Die Respekt-Winzer haben einen Polster von jahrzehnte-, wenn nicht sogar, jahrhundertelanger Tradition und durchschnittlich eine zweistellige Hektaranzahl Grundbesitz. 2018 feierte die Respekt-Gruppe mit mittlerweile 23 Mitgliedern das zehnjährige Jubiläum. Sie richtet sich nach Rudolf Steiner. Rein in Sachen Bodenkultur freilich, denn Steiners gesellschaftspolitische Ansichten teilt keiner dieser Leute.

Bei dem Gruppentreffen in Salzburg geht es vor allem um den Austausch der Erfahrungen mit biodynamischen Präparaten zur Boden- und Pflanzenbehandlung; Feldpräparate, bestehend aus Hornmist und Hornkiesel, sowie Kompostpräparate aus Schafgarbe, Kamille, Brennessel, Eichenrinde, Löwenzahn und Baldrian. Allesamt nach fixen Regeln getrocknet, in Rindergedärme, Stierschädel und Kuhhörner gestopft und dann in den Weingärten vergraben. Das mag jetzt nicht zu dem Bild der Winzer hier in Salzburg passen, die in gutem Tuch von Weinmesse zu Weinmesse fliegen und dort jeden Abend in einem anderen Sternerestaurant ihre Weine präsentieren. Die Präperate gibt es schließlich auch zu kaufen. Aber das tut nichts zu Sache. Geht man zumindest einmal davon aus, kommt man auf den Boden der Tatsachen zurück, zur Sache selbst, nämlich auf den Boden.

Was ist denn eigentlich der Boden? Welche Kriterien sind da angesagt?“, fragt Mackensen in die Runde. Und: "Wie können wir Boden lebendig denken?

Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht

Klar ist, so die Antwort der Winzer: Da ist eine faszinierende Vielfalt in einer Handvoll Erde. Boden ist Leben; Boden sind Mikroorganismen, Käfer und Würmer. Mackensen aber will mehr. Er will Grundsätzliches. Er schaut zurück und fragt: Wie entsteht Boden? Antwort: Boden entsteht durch gewesenes Leben. Und der Weinstock beeinflusst den Boden genauso viel wie der Boden das Weinresultat.

Zwar sind alle chemischen Prozesse im Boden spannend, sie erklären aber bei weitem nicht alles, was da stattfindet“, meint Mackensen. Vom Ranking bodenbildender Faktoren (Niederschlag, Kalkuntergrund usw.) hält er wenig. Er will weg von äußeren Kriterien, die aus reiner Empirik entstehen. Was ist denn dann der wichtigste Faktor? Was bleibt? „Die Pflanze“, sagt Mackensen, „nichts anderes. Der Boden ist Speicher vergangener Leben. Wie ein Museum, eine Bildergalerie, ein Archiv, ein großes Buch, das verrät, welches Leben hier stattgefunden hat. Die Winzern haben die Aufgabe zu erhalten, verbessern und weiterzugeben.“


„Die Natur hat den Tod erfunden, um mehr Leben zu bekommen“

"Die Natur hat den Tod erfunden, um mehr Leben zu bekommen“ Über solche Sätze von Mackensen könnte mal wohl ganze philosophische Vorlesungsreihen veranstalten. "Ihr Winzer seid gesegnet, die Entstehung zu sehen", sagt Mackensen in die Runde. Ein paar Mal im Jahr geht er mit seinen Studenten ins Hochgebirge. Dort am nackten Fels am Geröllfeld sieht man die ersten Pflänzchen stehen. Um ihre Wurzel herum hat sich ein bisschen Erde gefangen; Erde die hängenbleibt und mehr Erde anzieht. Die Pflanze macht den Boden.

ROTTEN STATT RODEN

Pflanzen sind permanente Neuschöpfer. Zwischen Erde und Sonne entsteht die Substanz, von der wir leben. Wenn die Winzer im Weingarten aber alles rasch roden, dann ist das Blatt schon weg, bevor es unter der Erde ankommt und verrotten kann. „Tiere schaffen Zusammenhänge“, sagt Mackensen. Der Regenwurm zum Beispiel ist Meister der Kompostierung. Durch Tiere und Wurzelwachstum entstehen Gänge im Boden, so genannte Bioporen. Sie sind der Ursprung aller durch Mikroben verursachter Aktivität.

„Gemeinsames Erd- und Pflanzenreichtum“ heißt es sperrig bei Steiner; "Kunstnatur" nennt Mackensen sehr eigen diesen Vorgang, den wir orchestrieren. „Wir können nur ermöglichen und arrangieren“, sagt er, „das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht. Wir können nicht die Pflanze düngen, sondern nur den Boden.

KENNE DEINEN BODEN

Bio-Böden werden ausschließlich mit natürlichen Komposten versorgt. Der Mistdünger von Rindern, Schafen oder Pferden sorgt für ein aktives Bodenleben. Ursprünglich macht der Boden einen Prozess der Eigenaktivierung durch: Regenwürmer, Mikroben und Bakterien können auch ohne Dünger stabile Humusverbindungen aufbauen. "Wenn man sich Ende April, Anfang Mai auf den Boden legt, hört man’s krachen“, schwärmt Mackensen, „da passiert unglaubliches Wachstum. Bis zu drei Zentimeter pro Tag.“

Wie soll man es mit der Bodenbearbeitung halten? „So wenig wie möglich, so flach wie möglich, so viel wie nötig“, sagt Mackensen. Er rät, den Boden mit dem Spaten zu testen und sich zu fragen: Mit welchem Boden habe ich es überhaupt zu tun? Ist er krümelig-locker? Oder klebrig-dicht? „Mit der Bearbeitung holt man immer sehr viel Luft und Licht in den Boden“, sagt Mackensen, „man muss wissen, ob der Boden das braucht. Braucht er es nicht, ist das Werken kontraproduktiv."

Mackensen lenkt den Blick wieder in die Vergangenheit: "Es wird immer vergessen, wie wir sesshaft wurden“, erklärt er, „das Getreide brauchte den vom Menschen veränderten Boden und die Bodenkultivierung fingt damit an, dass der Mensch den Boden hackte und öffnete. Damit vertrieb er aber auch jenes Leben, das schon dort war."

"Wir sündigen brutal!"

Die Bearbeitung durch den Menschen verändert den Boden massiv. „Beim Maisanbau für Biogas kann man den radikalen Abbau von Humus sehen“ erläutert Mackensen den Respekt-Winzern, "der Anbau funktioniert danach nur noch mit Hydrokultur und Mineraldüngung. Wir sündigen brutal, denn es dauert bis zu 200 Jahre bis eine gewöhnliche Humusschicht in der Höhe von zwei Hand breit wieder aufgebaut ist.

Was ist Humus eigentlich?

"Humus ist keine Substanz, sondern ein System", sagt Mackensen, „kein Mensch hat je Humus gesehen. Wir kennen aber seine Folgen, kennen, was er möglich macht, wissen, dass er etwa den Boden dunkler färbt.“ Die cremige Schwarzerde aus Russland beispielsweise hat einen Humusgehalt von weit über 50 Prozent. Bedingungen für guten Humus sind ein kalter Winter und ein heißer, trockener Sommer. Gut für mitteleuropäischen Winzer, schlecht für jene im Süden.

Was ist Kompost?

Mackensen antwortet: "Kompost ist, wenn man organische Abfälle zusammenführt, die sonst verloren wären". Wie entsteht Kompost? Erst einmal wird es im Komposthaufen ordentlich heiß, dann kommt es zum Gasaustausch und Wasser tritt aus. Nach der Kompostierung bleibt etwas fest gebunden Erdiges über, das man einsetzen kann. Tipp am Rande: Mit Erdbeigaben belüftet erstickt die Masse nicht. So kommt immer Sauerstoff in den Kompost und er kriegt keinen speckig-nassen Kern.

Wie erkennt man guten Kompost?

"Der Geruch erzählt immer von dem Seelischen der Natur", antwortet Mackensen etwas verstiegen, "geht er schon ins Erdige oder riecht er nach stickiger, explosiver Masse?" Logisch, dass guter Kompost erdig riechen muss. „Damit man keine Matschschicht produziert, sollte man die grüne Pflanzenmasse und Trestern stückchenweise einmulchen“ erklärt Mackensen, „und zum Beispiel Rebholz beimengen. Es rottet langsam und schafft Struktur.

Jeder Landwirt muss sich selbst fragen: Was sind die Bedingungen, Verhältnisse und kausalen Ursachen auf meinen Flächen? Was ist für mich individuell wichtig? – Für meine Böden, meine Begrünung, meine Lage, meinen Zeitpunkt des Handelns. "Biodynamie ist eine brutale Erweiterung, auf die man sich einlassen muss", gibt Mackensen zu.

Die Respekt-Winzer entlässt Mackensen mit einer Bitte. "Die Gemüse- und Kuhbauern brauchen eure Erfahrung“ ruft er in die kleine Menge, „macht euch sichtbar! Dann schenken die euch gerne eine Ladung guten Mist", so sein Rat 
„Wenn wir die Qualität unserer Böden nicht erhalten, können wir das Grundwasser und die Vielfalt unserer Pflanzen- und Tierwelt nicht schützen“, sagt Mackensen zum Schluss. Applaus und Abgang.

Dieser Artikel ist in der sechsten Schluck Ausgabe "MUTTER ERDE" 2018 erschienen. Die Ausgabe kann -> hier bestellt werden

Über den Autor
Juliane Fischer

Juliane Fischer

Lebt und schreibt - meistens in Wien und Niederösterreich als freie Journalistin und quer durch die Ressorts für Die Presse, Furche, Falter, etc. Mit Jürgen Schmücking leitet sie die Weinverkostung "Best of Bio" und liebt zum Ausgleich das Lesen im Kaffeehaus und die Arbeit im Weingarten.

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