Stuart Pigott über die ganze und oft auch ganz schreckliche Wahrheit über Wein-Amerika

Nur ein Abend in einer Cocktailbar in Manhattan, und schon müssen Teile der amerikanischen Geschichte umgeschrieben werden. Verantwortlich dafür sind der Sommelier und Historiker Ben Frank, der mit unserem Amerika-Korrespondenten, Stuart Pigott, ein paar Drinks genommen hat. Das Ergebnis: Fast alles, was wir über Weinbau in Amerika wissen, ist ein Märchen. Hier lesen Sie the unbelievable truth.

Es war gefährlich früh, an diesem Morgen, und ich saß an der Bar The Dead Rabbit im Financial District von Manhattan. Kinders, das ist nicht nur eine geile Cocktailbar, es ist auch einer der geilsten Orte auf unserem verdammten Planeten!

Nicht nur, dass The Dead Rabbit genau meiner Vorstellung der dunklen, alkoholreichen Raumzeit entspricht, finden dort auch noch jede Nacht großartige Begegnungen jeglicher Art statt. Ich denke, so eine Begegnung war auch jene mit Ben Frank, den ich im The Dead Rabbit kennenlernte. Das war freilich Zufall. Aber es war freilich keiner. Wir saßen nebeneinander an der Bar und irgendwann – draußen wurde es gerade hell – sind wir ins Gespräch gekommen. Nun, „Gespräch“ war es keines, eigentlich hat Ben zwei Stunden lang doziert. Ich habe zugehört und aufgeschrieben, was er sagte:

„Nicht nur die Europäer, sondern noch viel mehr die Amerikaner leiden unter Wissenslücken und Irrtümern, was die Geschichte ihres Landes betrifft. Mir kommt es vor, als ob diese Wissenslücken so groß und diese Irrtümer so gewaltig sind, dass die meisten Amerikaner eine irrtümliche Vorstellung haben, was in ihrem Land tatsächlich passiert ist. Aber wenn sie nicht wissen, wo sie herkommen und wie das geschah, wie können sie dann wissen, wer sie wirklich sind?

Fast alle Amerikaner glauben zum Beispiel, dass ihr Kontinent, im Zustand vor Ausrufung der Unabhängigkeit der USA, 1620 in Plymouth, Massachusetts gegründet und zivilisiert wurde. Das stimmt aber nicht, denn es gab dort schon mehr als zehntausend Jahre eine Indianerzivilisation. Als der weiße Mann auf das amerikanische Festland gekommen ist, haben die Indianer anfänglich nur vier Sachen von ihm kaufen wollen: Schusswaffen, Eisentöpfe, Textilien und Alkohol. Boote wollten sie keine kaufen, weil ihre eigenen Boote technisch hochwertiger waren.“

Da habe ich ihn das erste Mal unterbrochen und angemerkt, dass das alles zwar ganz richtig ist, aber die Geschichte noch andere Irrtümer bereithält. Zum Beispiel lernen amerikanische Kinder, dass Thanksgiving – das amerikanische Volksfest schlechthin – erstmals 1621 in Plymouth gefeiert wurde. Angeblich haben die Indianer und der weiße Mann sich zum gemeinsamen Essen getroffen und der weiße Mann hat für den Indianer ein Essen aufgetischt, wie er es noch nie erlebt hat.

Das ist aber schlichtweg gelogen, den erstens wurde Thanksgiving von Präsident Abraham Lincoln 1863 während des Amerikanischen Bürgerkriegs ins Leben gerufen, um die patriotische Stimmung im Norden zu schüren, und zweitens kamen beim ersten Thanksgiving nur autochthones Korn und Gemüse auf den Tisch. Also kein reiches Festmahl und auch kein Essen, wie es noch keiner erlebt hätte. Alles Quatsch! Und auch die Zutaten des ersten Thanksgiving hätten die Kolonisten nie ohne die Hilfe eines Indianers namens Squanto zur erfolgreichen Lese gebracht.

Es stimmt schon, dass die amerikanischen Kinder über Squanto im Geschichtsunterricht lernen, aber was sie selten hören, ist, dass Squanto gut Englisch sprach, weil er schon einige Jahre in London gelebt hatte. Gerade in Plymouth hätten die Engländer keine Kolonie errichten können, wenn nicht 1617 eine Seuche fast alle Indianer hinweggerafft hätte. Wahrscheinlich hätten die europäischen Kolonisten es ohne die von ihnen mitgebrachten Krankheiten nie geschafft, die Indianer zu besiegen und das Land zu besetzen.

„Ich habe ja Geschichte studiert“, kam Ben nun wieder zu Wort, „aber heute bin ich Sommelier in einem exklusiven Klub für Börsenmakler. Das sind jene Leute, die durch dreckige Geschäfte an der Wall Street reich geworden sind und ich freue mich, sie mit einem Lächeln gnadenlos auszubeuten. Als Lebensziel reicht das aber keineswegs, ich muss der wahren Geschichte über Alkohol in Amerika helfen, ans Tageslicht zu kommen. Und wie alles geschah. Plymouth, zum Beispiel, war auch nicht die erste europäische Kolonie in Nordamerika, wie immer erzählt wird, die Spanier waren lange vor den Engländern, Holländern und Franzosen in der Karibik unterwegs.

Um 1540 sind sie in den Landstrich der heutigen Bundesstaaten New Mexiko und Arizona vorgedrungen und nur wenige Jahre später haben spanische Priester die ersten Weine auf amerikanischen Boden erzeugt. Casa Madero, das erste Weingut in Nordamerika, wurde schon 1597 im Norden des heutigen Mexikos aus dem Boden gestampft – also ein paar Jahre bevor 1607 die erste erfolgreiche englische Kolonie in Jamestown, Virginia gegründet wurde. Jamestown, diese schon 1699 wieder verlassene Stadt, ist extrem wichtig für die moderne amerikanische Kultur, weil da das Prinzip get rich quick von einem gewissen John Rolfe erfunden wurde.

Durch den Anbau und Export von Tabak nach England ist Rolfe steinreich geworden. Dazu passt es gut, dass er die Samen für seine Tabakfelder von den Spaniern in der Karibik klauen lassen hatte. Also ein Erfolg durch illegales Handeln. Ohne Rolfes Aufstieg wäre Jamestown gescheitert – genau wie alle anderen vorherigen europäischen Kolonien an der Ostküste. Rolfe war auch der erste weiße Amerikaner, der eine Trophy Wife geheiratet hat. Sie war Indianerin, die Tochter des Häuptlings Powhatan, und hieß Pocahontas.

Von ihr haben alle schon gehört, aber meistens nur eine verklärte, comictaugliche Geschichte. Fast von Anfang an haben es die Kolonisten auch mit Weinbau versucht und ihre Anführer haben immer wieder lukrative Preise für den Ersten ausgerufen, dem das Anpflanzen von Rebstöcken dauerhaft gelingt. Doch alle Versuche scheiterten, weil die Wurzeln der europäischen Reben von der Reblaus angefressen und ihre Blätter sowie Früchte von Echtem und Falschem Mehltau heimgesucht wurden. Und noch dazu waren die Weine aus den damals dort autochthonen Vitis-labrusca-Reben kaum trinkbar, die Trauben für den Weinbau einfach nicht geeignet.

Erst zwei Jahrhunderte später kelterte man an der Ostküste die ersten schmackhaften Weine und die ersten so richtig überzeugenden Weine zog man erst in den 1960er-Jahren in die Flaschen. Aus dem Lesegut veredelter europäischer Reben. Das war also erst sehr, sehr spät in der Geschichte des amerikanischen Weinbaus. Das weiß keiner!“

„Ben, das ist ja eine echte Nachricht“, rief ich begeistert aus und die Gäste im The Dead Rabbit drehten sich um, weil ich so laut gebrüllt hatte, „jetzt verstehe ich auch, warum noch heute die Menschen an der Ostküste nach Europa schauen, wenn es um Wein geht. Diese Geschichte des Scheiterns ist in dieser extremen Erfolgskultur einfach peinlich und sicher noch im kollektiven Gedächtnis verankert. Noch dazu ahne ich jetzt, warum der Lieblingstabak meines Großvaters Golden Virginia hieß. Mit Tabak wurde Gold verdient. Nicht mit Wein. Zeit für einen weiteren Cocktail!“

Ben orderte einen Insurrection. Dieser heftige Cocktail auf Basis von achtjährigem Bacardi und Powers Irish Whiskey passte in jeder Hinsicht zu unserem Gespräch und aus diesem Grund bestellte ich auch einen – die Prohibition ist ja bald 100 Jahre abgeschafft. Beim Thema Prohibition horchte Ben auf und begann zu erzählen:

„In den Staaten sagt man gemeinhin, dass die Temperance-Bewegung, die zur Prohibition führte, auf die puritanisch-protestantischen Kolonisten Anfang des 17. Jahrhunderts zurückgeht. Aber auch das ist falsch! Erst um 1830 kann man alkoholfeindliche Schriften lesen, bis dahin war der Alkoholkonsum der allermeisten Amerikaner üppig und das Thema egal. Punch, ein Mischgetränk auf der Basis von New England Rum, das aus billiger französischer Karibikinsel-Melasse destilliert wurde, war die Hauptdroge der im Entstehen begriffenen USA und auch Treibstoff des Aufstands gegen die Engländer. Die Londoner Regierung war so empört über die amerikanische Ablehnung der deutlich teureren Melasse von den britischen Karibikinseln, dass sie per Gesetz versuchte, die Kolonisten zum Gebrauch der britischen Grundzutat zu zwingen.

Das Ansinnen der Briten ist freilich fehlgeschlagen und war der erste Schritt in Richtung Entfremdung zwischen New England und London mit den bekannten Folgen, die 1776 zum Weg in die Unabhängigkeit führten. Warum, so kann man fragen, gab so viel Ärger wegen Rum? Doch für das nördliche New England war die Spirituose der wichtigste Importartikel und in den Kneipen wurde der Rum von allen Menschen – also Herren, Dienern und Indianern – in rauen Mengen getrunken. Hier saß man zusammen an einem Tresen. Diese Zeiten waren aber nicht nur politisch revoutionär, sondern auch von geschäftlichen Innovationen geprägt.

Während der frühen 1770er hat John Mitchell in Philadelphia das Vertriebssystem der Franchise-Ladenkette erfunden, um New Englands ländliche Märkte für Lebensmittel und alkoholische Getränke zu erschließen – die Wurzeln der Geschäftsmodelle von McDonald’s oder Taco Bell beruhen auf Mitchells Lebenswerk.

Doch was weniger bekannt ist: Rum und Madeira waren wichtige und finanziell sehr ertragreiche Produkte im Sortiment von Mitchells bahnbrechendem System. Die große Nachfrage nach Madeira-Weinen in New England im 18. Jahrhundert und der dortige wirtschaftliche Aufschwung haben den bis dahin eigentlich lediglich rustikalen Tischwein zu einem edlen Getränk aufgewertet. Der Hype ließ die Produzenten auf der portugiesischen Atlantikinsel verschiedene Geschmacksrichtungen und Jahrgangsweine keltern, mit welchen sie noch mehr Geld verdienten. Madeira ist also kein britischer Wein, wie alle glauben, sondern eindeutig ein amerikanisch-portugiesischer Wein!“

Warum hat mir das niemand schon vor Jahren erzählt, wunderte ich mich und nahm einen kräftigen Schluck von meinem Insurrection. Dann, zögerlich, als ob ich meinen eigenen Worten nicht mehr richtig glauben schenken wollte, fragte ich Ben: „Das heißt ja eigentlich, die Geschichte des amerikanischen Weinbaus, die ich gelernt habe, stimmt eventuell gar nicht. Zum Beispiel, dass es die 1920 begonnene Prohibition ohne den Ersten Weltkrieg nie gegeben hätte.“

Ben sog tief Luft ein und setzte ein letztes Mal an: „Auf Bundesebene fing die Prohibition schon 1920 an, aber auf der Ebene der Bundesstaaten sieht es anders aus. In Arizona beispielsweise fing die Prohibition schon 1915 an – noch vor dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Mit dem Krieg hat die Prohibition also nur am Rande zu tun. Und dann gibt es die Märchen über Auswirkungen der Prohibition. Es wird etwa behauptet, die Prohibition habe den kalifornischen Weinbau – damals wie heute produziert Kalifornien 90 Prozent des amerikanischen Weins – in den Ruin getrieben. Auch das ist falsch!

Zwar durfte aus Trauben kein Wein erzeugt werden und damit ging das Wissen um Kellerwirtschaft weitgehend verloren, aber der Markt für Weintrauben blieb die ganze Zeit sehr rege und manche kalifornische Familie ist erst durch den Handel mit Weintrauben so richtig reich geworden. Oft hat man in die Obstkiste ein Päckchen Hefe und einen ironischen Warnzettel gelegt, etwa: Hefe plus Trauben führen zur Schmuggelware Wein, deswegen lass die Finger davon! Doch diese Beigabe von Hefe war legal und was die Leute damit machten, ging die Weintraubenerzeuger nichts an.“

„Verdammte Scheiße“, rief ich, „ist das nicht irre spannend?! Das muss ich niederschreiben und das muss gedruckt werden.“ Und so ist es auch gekommen.

Autor: Stuart Pigott, Illustration: Ekaterina Koroleva

Dieser Artikel ist in Schluck - Naturwein - Ausgabe 2 erschienen.
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Über Stuart Pigott

Der britische Weinautor (u.a. Wein spricht deutsch, Rock Stars of Wine America) und selbsternannte Gonzo­ Journalist gilt als Rockstar der Szene.
International ist er als einer der besten Kenner des deutschen Weins anerkannt. Seit den 1990er­ Jahren lebt Stuart Pigott in New York und Berlin. Er schreibt u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Stuart Pigott unterstützt mit seinem Projekt „Wein hilft. Weinliebhaber gegen AIDS“ die Deutsche AIDS-Stiftung.

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