Billy Wagner - Zehn Lieder, ein Leben

Billy Wagner ist der Inhaber des Speiselokals Nobelhart & Schmutzig in Berlin. Er wurde mehrfach zumessen Sommelier des Landes ausgezeichnet und ist einer der meinungsstärksten Wirte Deutschlands. Ob mit oder ohne Schuh, keine Flasche großen Inhalts ist vor ihm sicher. Nur Tequila kann er auf den Tod nicht leiden. Mit wirklich guten Freunden trinkt er am liebsten Kräuter- & Obstbrände, ein oder zwei Likörchen und selbstverständlich Bier - Urige Alt. Da andere Mütter aber auch schöne Töchter haben, schläft er häufig fremd.##

"Ich soll einen Text mit meiner Lieblingsmusik machen. Für ein Magazin, das Schluck heißen soll. Schreiben mag ich aber eigentlich gar nicht. Kann ich auch nicht. Werde ich auch nur in Ausnahmen machen. Es gibt viele, die das besser können, die sich besser ausdrücken können, und ,wo‘ der Lektor nicht so viel löschen und umschreiben muss. Die mich wirklich gut kennen, die ich auch sehr mag, nennen mich eigentlich immer ,Copy-Paste-Wagner‘.

Aber eigentlich sagt das eh nur einer. Trotzdem beginne ich zu überlegen, was für Musik mich beeinflusst hat. Sollte jeder mal machen, denke ich mir. Ich habe so viel Lieblingsmusik und es gibt viele Parallelen zum Wein und vielleicht soll ich deswegen auch hier was schreiben. Aber trotzdem sind es meist nie die einzelnen Songs oder die einzelnen Weine, sondern das Gesamtkunstwerk von einzelnen Menschen. Alben beziehungsweise Jahrgangskollektionen sind viel spannender zu betrachten.

Ich bin Jahrgang 1981. Leonard Cohen, Bob Dylan, Kevin Ayers gab es nicht in meiner Jugend – die kamen erst später – viel später. Im Osten – also in dem Osten, in dem ich groß geworden bin, gab es das nicht. Später dann, als wir dann drüben waren, endlich fort, gab es andere Helden in der Jugend.“

ALBEN

1995 — MOBY EVERYTHING IS WRONG
„London 95 und ich habe mir diese CD gekauft. Was für eine Musik. So etwas habe ich noch nie gehört. Gerade die ersten Mädchen geküsst, nicht daheim, sondern im England-Urlaub, und dann das. Die CD war eigentlich schon kurz nach der Ankunft in Deutschland kaputt. Zu häufig gehört. (Beim Schreiben dieses Textes habe ich mir dieses Album auf Platte in England für 70 Euro gekauft.)“

2000 — UNDERWORLD EVERYTHING, EVERYTHING
„Als diese Album rauskam, kannte man schon einige der Songs, immerhin war der Drogenfilm der 90er-Jahre schon etwas älter. Aber dann kam der Mix mit dem Livemitschnitt, von irgendwo. Und das hört sich noch viel besser an. Auf dem Weg im Auto nach Frankfurt (U60) und Kassel (Stammheim) lief das eine Zeit lang rauf und runter.“

2002 — THE NOTWIST NEON GOLDEN
„Irgendwo auf dem Weg nach Marzahn. Irgendwo auf irgendeiner Party im für mich neuen Berlin, spielte Acid Pauli aka Martin Gretschmann – von dem ich bis dato noch nie gehört hatte – ein Set mit einem wilden Ritt durch die Plattenkiste der letzten Jahrzehnte. Wie Laurent Garnier. Irrer Typ, dachte ich. Da er 2002 mit The Notwist eine der wichtigsten Platten der letzten 15 Jahre gemacht hatte, wurde mir sofort klar, wie irre gut der Typ eigentlich ist.“

2003 — RICHIE HAWTIN DE9 | CLOSER TO THE EDIT
„Derrick May und die Smartbar in Chicago und das anschließende Ausnüchtern bei einer Dauerschleife von Closer To The Edit. Da wachst du aus einem wirren Traum auf (alleine) und dann ist da dieses Piepen und du erschrickst und merkst, dass du eigentlich gerade wieder tanzen willst.“

2013 — MANO LE TOUGH CHANGING DAYS
„Einer sollte die Musikauswahl organisieren. Wie das meist so ist, wenn man mit zwei anderen Jungs zum Trinken und Essen nach Paris fährt. Einer sollte! Genau. Hat er nicht, aber eine Promo hat er wenigstens dabei und man hört die zigmal auf dem Weg von Berlin über das Hegau und das Markgräflerland nach Paris. Radio geht in Frankreich noch weniger als in Deutschland. Somit prägt man die Reise musikalisch mit einem Album und kennt es auswendig. So wie früher, als man 100-mal den gleichen Song gehört hat!“

TRACKS

1978 — MAX BERLIN SHE AND I (ELLE ET MOI)
„Eine meiner teuersten Platten. Vielleicht auch wegen dem Versand. Die kam von einer griechischen Insel. Die Platte ist für mich purer Sex. So grooving. Und intensive.“

2000 — DJ ROLANDO aka THE AZTEC MYSTIC KNIGHTS OF THE JAGUAR
„Das hat der Sven immer gespielt. Macht er das eigentlich immer noch? Bestimmt. Ein Track, der meine Zeit widerspiegelt, als Berlin noch weit weg war. Als es Frankfurt, München, Nürnberg und Kassel gab!“

2001 — MATHIAS SCHAFFHÄUSER HEY LITTLE GIRL Extended Blue Mix
„Manchmal klappt es doch, dass der Klassiker vielleicht noch ein bisschen besser klingt. Häufig geht es daneben. Hey Little Girl erinnert mich an eine Frau und die lange Zeit mit ihr! Die Zeit mit ihr war so schön und so intensiv, sodass wir heute gerade darum einfach nur sehr, sehr gute Freunde sind. Immer ein Ohr, immer Zeit.“

2011 — PACHANGA BOYS TIME (ORIGINAL MIX)
„Es ist doch eigentlich ein Phänomen. Sonntagnachmittag, Sommer, 30 Grad, eigentlich sollte man am See liegen oder im Kater tanzen, aber die Panorama Bar ist übervoll. Wer das noch nicht erlebt hat, greift sich je an der Kopf. Was man da so hört, ist von bis. Aber als ich dort das erste Mal Time gehört habe ... Ein Special Moment, drunter, drüber und ...“

2013 — JUST FRIENDS AVALANCHE
„Wieder mal eine lange, durchzechte Nacht. Man schläft nicht im eigenen Bett. Die junge Dame macht Musik und hat da so ein Set (Essential Mix (NO BBC Edit)) von einem Nicolas Jaar laufen. Ein Musikgenie und das schon in diesem jungen Alter. Der Alkohol floss in Strömen und irgendwann schliefen wir ein. Ein Set, welches auf Dauerschleife stand. Am nächsten Morgen, der viel zu früh sich aus seinem Bett robbte, war da noch dieser Song und der Duft der jungen Dame, der immer noch in der Nase und im Kopf stand.“

„Im Nobelhart & Schmutzig gibt es ausschließlich ein Menü für alle, gerne vegetarisch oder auch vegan. Ein Menü, eine Idee, ein Abend. Dazu spielen wir keine Hitliste von Songs, sondern nur Alben von Platte. Eine Platte, eine Idee, ein Album – ein Gefühl und damit eine Message.“

Dieser Artikel ist in der ersten, bereits vergriffenen Ausgabe von SCHLUCK - "Identität" erschienen. Weitere Ausgaben sind -> hier erhältlich

Über den Autor
Paul Truszkowski

Paul Truszkowski

Wine Chuck Norris. Einheizer und einer der drei Schluck Macher. Weinbergs- & Gastrokind. Aufgewachsen im Rheingau & an der Mosel. Gereift in Marseille und Kopenhagen. Geisenheim Absolvent der Oenologie & Int. Weinwirtschaft. Über 11 Jahre 360° Weinmarketing- & Weinhandelserfahrung und Passion für eCommerce, digitale Medien & Kommunikation machen ihn zum gefragten Ratgeber und leidenschaftlichen Moderator für die Genussbranche. In seiner Freizeit betreibt er seit 2009 den Weinblog Drunkenmonday und ist seit 2015 Gründer und Herausgeber des Weinmagazins SCHLUCK. Der bekennende Europäer lebt in Berlin.

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